Die Soli mit dem Könnerlächeln

Sinfonieorchester am Ernst-Barlach-Gymnasium beendet eine schwierige Saison

1. Sinfoniekonzert 10.11.2018 17 Uhr Petruskirche Kiel 22Herbst22

In den Kieler Nachrichten am Montag, dem 13.06.2022:

KIEL. 

Das sieht man auch nicht alle Tage: Die Solistin einer Uraufführung, gerade einmal Kieler Jahrgang 2005, lächelt sich amüsiert und inspiriert durch ihren allemal virtuosen Solopart. Die Geigerin Amelia Fellows-Morey, Stimmführerin der zweiten Violinen im Sinfonieorchester am Kieler Ernst-Barlach-Gymnasium hat hier die Herausforderung, einer wichtigen, aber oft verborgenen aktiven Mittelstimme Gehör zu verschaffen, mit farbsatten Tönen und flinken Akkordbrechungen bravourös angenommen.

Das 2051 entstandene „Konzertstück für zweite Geige und Orchester“ von Walburga Halodrius stammt eigentlich von ihrem Ghostcomposer Alexander Mottok, dem ebenfalls 1972 in Kiel geborenen EBG-Dirigenten. Der Geiger und Arrangeur weiß genau, was er tut und ummantelt das Solo ganz köstlich mit Tusch, Countrygalopp, Filmschnulze und Romantiksound. Das macht der jungen Truppe spürbar Spaß und findet in der gut besuchten Petruskirche ein begeistertes Echo.

Stilistische Vielfalt schult. Deshalb passt es optimal, dass mit Ludger Taubitz gerade der langjährige Solofagottist flügge geworden ist und nun sein Instrument an der renommierten Musikhochschule Detmold studiert. So kann er auch mal aus dem tiefen Mittelstimmenregister hervortreten und als Barocksolist agieren.

Antonio Vivaldis e-Moll-Fagottkonzert, das bekannteste von fast 40 erhaltenen des Italieners, hat er mit seinen warmtönig schnurrenden Läufen und kecken Sprüngen „voll drauf“. Noch bemerkenswerter ist, wie einfühlsam er den schönen langsamen Mittelsatz ins Singen bringt.

Mottoks munteres, von Laute und Cembalo klanglich informiert unterfüttertes EBG-Ensemble zieht in der venezianischen Gondelei inspiriert mit. Zwar ließe sich am ein oder anderen Pult noch an Streichervibrato sparen und die Terrassendynamik noch deutlicher herauskehren, aber die Richtung stimmt. Riesenapplaus und Bravi sind auch Ludger Taubitz auf dem Sprung in die Profikarriere mit Recht sicher. Es zeugt vom positiven Geist im EBG, dass beide Solisten für den abschließenden Programmpunkt wieder dienlich im Tutti-Apparat parat sitzen. Außerdem ist es ein gutes Zeichen, dass Mottok fast ohne Aushilfen auskommt. Der Projensdorfer Talentschmiede konnte der Corona-Delle also hoffentlich trotzen.

Felix Mendelssohn hat sich als konfirmierter Protestant, dessen vor den französischen Besatzern von Hamburg nach Berlin geflohenen jüdischen Familie demonstrativ zum evangelischen Christentum konvertiert war (deshalb der Namenszusatz „Bartholdy“), nicht leicht gemacht, Luthers Reformation zu feiern. Seine eigentlich zweite Symphonie implantiert Choralpartien auf höchst kunstvolle, vielleicht auch hier und da allzu akademisch kunsthandwerkliche Weise.

Rundum glückselig machende Aufführungen sind deshalb selten. Man spürt in der besonders schwer auszubalancieren langsamen Einleitung und im feurig missionarischen Kopfsatz den Kampf der jungen Musikerinnen und Musiker um ihren unerschütterlichen Glauben an das eigene Können.

Doch schon der duftige Tanzsatz und ganz besonders das wunderbar genüsslich ausgekostete Andante-Gebet des dritten Satzes bereiten uneingeschränkt Freude. Wenn dann der „feste Burg“-Choral in der Soloflöte aufleuchtet und sich in aufgewühlten und in würdevollen in den Registern Holz, Streicher und Blech einbaut und aufbauscht, ist Anerkennung für die Bewältigung einer besonders schwierigen Aufgabe angesagt.

 

von Christian Strehk

 

Programmheft

KN-Artikel vom vom 07.06.2022 (Ankündigung)

KN-Artiekl vom 13.06.2022 (Rezension)

 

2021 22 3. SK Rezension KN